Infos zu Archtops

 
Süß – sauer, groß – klein, rund – eckig… wie das Grundschulkind über das Bilden von Gegensätzen die Sprachkompetenz erweitert ( dick – doof wäre übrigens falsch), so lernt der ambitionierte Gitarrist die bauliche Vielfalt seines Lieblingsinstruments den zwei Oberbegriffen Archtops bzw. Flattops zuzuordnen; erstere unterscheiden sich durch wesentliche konstruktive Merkmale, die auch für die Klangeigenschaften verantwortlich zeichnen: entwickelt aus den Prinzipien des Geigenbaus sind Decke und Boden wie bei einer Geige gewölbt, und statt eines runden Schalllochs auf der Decke findet man zwei Schalllöcher links und rechts vom Steg platziert vor, sogenannte F–Löcher, die aber auch andere Formen (Rauten, Sichel, geteilte Form etc.) haben können.
Die Saitenführung verläuft über einen nicht verleimten, verstellbaren Steg (Bridge) hin zum an der Zarge befestigten Saitenhalter (Tailpiece) aus Metall resp. neuerdings auch aus Holz. Ein frei schwebend befestigter Deckenschoner (Pickguard) soll die Decke schützen vor allzu vorwitzigem grobmotorischen Plektrumeinsatz.
Ursprünglich für rein akustisches Spiel konzipiert, wurde der vom musikalischen Zeitgeist geborene Wunsch nach mehr Lautstärke und den sich damit eröffnenden neuen Spielvarianten – Charlie Christian hat es vorgemacht – erhört und zusätzliche elektrische Organe wurden eingepflanzt, wobei der chirurgische Eingriff sowohl schonende als auch brachiale Varianten erlaubte, die von der schwebenden Pickup Halsmontage bis zum 3-fachen Humbucker-Implantat mit gnadenlos großflächiger Deckenöffnung reichen.
Auch in der Beleistung der Decke (tone braces) weicht die Archtop erheblich von der Flattop ab; so findet man zwei parallel verlaufende Deckenbalken (parallel braced )vor, es gibt aber auch die Varianten sich kreuzender Balken (X –brace), die Verwendung nur eines Balkens (Stromberg) wie auch die Platzierung eines Stimmstocks (Roeder) – ein Konstruktionsprinzip aus dem Geigenbau. Die Streben haben bei der Archtop eine klangleitende Funktion, wogegen die Verstrebungen bei der  Flattop primär der Verstärkung der dünnen Decke dienen.
Der Hals läuft am oberen Ende frei schwebend aus und ist nicht auf der Decke verleimt, um ein optimales Schwingen der sorgfältig ausgearbeiteten Decke (carved top) zu ermöglichen. Ein Cutaway ermuntert den Spieler zum Arbeiten in den hohen Lagen des Griffbretts.
Die Frage des ungeduldigen Lesers „ und was soll das jetzt alles“ verdient Respekt ob des Interesses an der Materie – eine knappe Antwort im Nebensatz würde der Komplexität in keiner Weise gerecht – trotzdem hier und jetzt so kurz wie möglich:
An allem Schuld ist der Jazz und der Loser war die Geige – später auch das Banjo; dem druckvollen Bläsersatz im New Orleans Jazz mussten die Streicher weichen zu Gunsten eines rhythmisch druckvollen und durchsetzungsfähigen Instruments – zunächst war dies die Chance für das Quinten gestimmte Tenorbanjo – die darauf folgenden Bigbands mit ihrem anspruchsvolleren Swing Stil verschmähten den Banjo spezifischen Scheppersound und meldeten ein musikalisches Upgrade beim Rhythmussklaven an – das war die Chance der Archtop-Gitarre mit dem ihrem Typus eigenen vollen, runden und rhythmisch präsenten Ton. Freddy Green beherrschte im Count-Basie-Orchester „strumming to the bar“ meisterhaft diese neue Spielweise… und das Piano konnte – wie unter Duke Ellington - zunehmend solistisch brillieren.
Ein junger farbiger Gitarrist – Charlie Christian - wollte sich aus dem engen Korsett der Rhythm-section befreien und auch so schöne melodische Linien wie die Bläser spielen – leider ging die akustisch gespielte Gitarre bei Sololinien im kathedralen Bigband - Sound einfach unter… bis Gibson Mitte der 30er Jahre mit der ES-150 eine mit Tonabnehmer ausgestattete Archtop inclusive 15 Watt – Amp als komplexes „Soundmonster“ offerierte…jetzt konnte dem Manne geholfen werden und die Abteilung Gebläse zollte beeindruckt Respekt vor den lautstark vorgetragenen solistischen Ausflügen auf sechs Saiten – der Siegeszug der elektrisch gespielten Gitarre hatte begonnen und die Herren Orville Gibson und Lloyd Loar wurden als Erfinder der Archtop - Modelle unsterblich.
Die Beantwortung der unvermeidlichen zweiten Frage des Lesers, der sich wacker durch den vorstehenden verbalen Crashkurs Archtop gelesen hat… „für was braucht man sowas heute noch, die Dinosaurier sind doch auch ausgestorben und es gibt doch elektrische Klampfen ohne Ende“…gestaltet sich weniger komplex als Frage eins; hat man erst einmal seine Vorurteile gegenüber der Spezies Archtop unter Kontrolle stellt man fest, dass diesem Gitarrentypus mehr als nur der mit ihm assoziierte „Handschuhton“ zu entlocken ist. Speziell bei akustischer Spielweise „unplugged“ entwickelt eine gute Archtop ihre Qualitäten und dokumentiert mit voluminösem und durchsetzungsfähigem Ton im Solospiel sowie einer brachialen trennscharfen Klangattacke beim Strumming mit Plektrumeinsatz ihre Überlegenheit in diesem Bereich - verglichen mit ihrer Flattopschwester, die mit länger anhaltender Resonanz brilliert. Franz Jahnel bringt es in seinem Standardwerk über Gitarrenbau treffend auf den Punkt: bei der modernen Schlaggitarre … „handelt es sich um ein Instrument, das tonal allen Anforderungen entspricht…“, womit alles gesagt wäre.
Differenzierte Klangnuancen von zart und verhalten bis ungestüm laut und klar legen die Vermutung nahe, eine Archtop habe einen Verstärker verschluckt und das Plektrum wirke je nach Spielweise wie ein Volumen- bzw. Klangregler – sie fängt aber bei „übersteuertem“ Spiel nicht an undifferenziert zu bellen sondern zeigt Haltung und bleibt souverän in der tonalen Spur…allerdings nur bei akkurater sauberer Spielweise…auch kleine Fehler oder Griffbrettfuddeleien werden gnadenlos und in Echtzeit bestraft mit garantiertem Fremdschämfaktor für den Zuhörer.
Für den Gitarrenbauer ist die Entwicklung und Herstellung einer handgearbeiteten Archtop die Krönung seines Schaffens – von der Auswahl und dem Abklopfen der Hölzer über die Ausarbeitung der graduierten Wölbung von Decke und Boden bis hin zur Optimierung des Klangverhaltens durch Abstimmung der verwendeten Hardware. Eine Herausforderung, die höchstes fachliches Können und große Erfahrung erfordert. In den letzten Jahren stellen sich jedoch immer mehr Gitarrenbauer – sowohl im deutschsprachigen als auch im internationalen Raum – wieder dieser Aufgabe.
Einen profunderen Einstieg in die Materie bieten zahlreiche Publikationen zur Thematik hier eine kleine Auswahl:
-       -  Die Gitarre Alexander Schmitz  Ellert&Richter Verlag
-       -  Vintage – Gitarren und ihre Geschichten Carlo May  MM-Verlag 1994
-       -  The Jazz Guitar – Its evolution and its players M.Summerfield UK 1978
-       -  Acquired of the Angels: the lives and works of master guitar makers John DÀngelico and James          DÀquisto  P.W.Schmidt  Ohio CL 1990
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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